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Die NORDSEE-KUR für Pferde

Dr. Evelyne Menges mit May Britt Siegmund.

Für Menschen ist die „Kur an der Nordsee“ seit jeher eine anerkannte Methode zur Stabilisierung der geschwächten Gesundheit – aber für Pferde? Lässt sich das so einfach von Mensch auf Tier übertragen? Im Urlaub auf der Nordseeinsel Föhr entdeckte ich einen Pferdehof mit einer ganz besonderen Geschichte und Aufgabe. Mit der Leiterin May Britt Siegmund hatte ich ein so interessantes Gespräch, das ich dessen Inhalt gern unseren Lesern und Mitgliedern der „aktion tiertierrettung münchen“ weitergeben möchte. In unserem Organ TIERPOST berichten wir ja häufig über Krankheiten und wie man unseren Haustieren helfen und sie heilen kann! Und zu unseren Haustieren gehören ja nicht nur Hunde, Katzen, Kaninchen, Vögel usw. sondern auch Pferde!

Von Rainer Rösch | August 2017

Ob sich der Nutzen einer „Nordsee- Kur“ nun direkt von Menschen auf Pferde übertragen lässt, darauf bekam ich die folgende Antwort von May Britt Siegmund: „Das werde ich häufig gefragt. Der Lebenswandel von Mensch und Pferd lässt sich tatsächlich in gewisser Hinsicht vergleichen. Bei Menschen aus den Industrie-Nationen nehmen durch eine falsche Ernährung verbunden mit ständigem Bewegungsmangel und anhaltenden Stressfaktoren die sogenannten „Wohlstandskrankheiten“ wie Diabetes mellitus, Asthma, Allergien, Übergewicht, Bluthochdruck, Hauterkrankungen bis hin zu chronischen Erschöpfungszuständen oder Depressionen zu. Ähnliche Entwicklungen sind auch bei Pferden zu beobachten: (falsche) Ernährung im Übermaß, artfremde Einzelhaltung in zu kleinen Boxen und dem damit verbundenen Bewegungsmangel; oder im Gegensatz dazu eine ständige Überforderung der körperlichen und geistigen Fähigkeiten z.B. im Turniersport. Viele dieser Pferde entwickeln ebenso wie der Mensch – oft über einen langen Zeitraum hinweg kompensiert – Stoffwechselerkrankungen, die sich beim Pferd in vielerlei Symptomen äußern: Übergewicht, Haut- und Fellprobleme, Allergien, bis hin zu asthmatischen Lungenbeschwerden, der gefürchteten Hufrehe oder gar einem Burn-Out-Syndrom. Auf unserem „Intensiv-Pflegehof in Borgsum“ nehmen wir auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Pferdes Rücksicht. Dazu gehören vor allem ein stressfreies Umfeld, hochqualitatives Rauhfutter (für Allergiker aufbereitet), ein angepasster Ernährungsplan, das Schaffen von Bewegungsanreizen und eine ganzjährige Offenstall-Haltung im Herdenverband. Meine Erfahrung zeigt, dass diese Grundpfeiler der Pferdehaltung eingebettet in die idealen Rahmenbedingungen des Nordseeklimas chronisch kranken Pferden erstaunlich viel Lebensqualität zurückgeben können.

Ein Erfahrungs- und Erfolgsbericht über das Pferd „Leo“

Leo wurde vor ca. 1,5 Jahren von seinen lieben Besitzern zu uns nach Föhr gebracht. Leo wurde nach mehreren Bronchospasmen und immer wiederkehrenden Atemwegsproblematiken sowohl im Sommer als auch im Winter der Klinik der Tierärztlichen Hochschule Hannover vorgestellt und erhielt die Diagnose COB (chronisch obstruktive Bronchitis). Eine Kur im Hochseeklima wurde dort dringend angeraten, da die medikamentöse Therapie ausgereizt und auch seine Haltung bereits bestmöglich (Offenstall, Heubedampfung) durch die Besitzer umgesetzt worden war. Was sich seitdem in diesen 12 Monaten bei ihm getan hat, möchten wir hier in einem kurzen Bericht erzählen.

Von May Britt Siegmund | August 2017

Leos Atemfrequenz lag bei seiner Ankunft auch im Ruhezustand bei deutlich über 20 Atemzügen pro Minute (normal sind zwischen 8 und 16 Atemzüge pro Minute bei einem Warmblut wie ihm im Ruhezustand). Zwar bekam er keine systemisch wirkende Dauermedikation, inhalierte aber täglich zunächst mit einem Bronchospasmolytikum und anschließend mit Cortison. Bei fast jeder kleineren Belastung reagierte Leo mit Reizhusten und erhöhter Atemfrequenz. Die Symptome verstärkten sich an wärmeren Tagen. Der gesamte Rumpf war ballonartig vergrößert, was zum einen durch die erkrankte Lunge hervorgerufen wurde, zum anderen zeigten sich bereits deutlich einige Nebenwirkungen des häufig verabreichten Cortisons (die Symptome zeigten tatsächlich schon in Richtung Morbus Cushing).

Wir führten die Inhalationstherapie bei Leo zunächst unverändert fort (wir wechselten allerdings das Gerät an sich), denn gerade in der ersten aufregenden Zeit der Eingewöhnung und der Umstellung des Organismus durch das Reizklima sollte von einer schnellen Verbesserung eines chronischen Lungenproblems nicht ausgegangen werden. Leo gewöhnte sich allerdings problemlos im Stall ein. Wir konnten uns daher rasch aus der Cortison-Therapie ausschleichen und bald nur noch mit reiner Kochsalzlösung oder Emser Salzen inhalieren. An besonders „anstrengenden“ Tagen für atemwegskranke Pferde (warmes, oder gar schwül drückendes Wetter) nahmen wir prophylaktisch wieder den Bronchien erweiterer mit in die Inhalationslösung.

So kam es, dass sich Leos Atemfrequenz innerhalb weniger Wochen von durchschnittlich 24Zügen / Minute auf ein normales Niveau von 12-16 Zügen/ Minute (je nach Wetterlage) verbesserte. Natürlich erhielt er wie alle eingestellten Nordseekur-Pferde qualitativ einwandfreies, bedampftes Heu sowie hochwertige Krippenfutter-Rationen, die auf einen erhöhten Bedarf an Kalorien (chronische Grunderkrankung), Vitaminen, Spurenelemente usw. angepasst war. Gleichzeitig wurde auf die Grundbedürfnisse eines jeden Pferdes Rücksichtgenommen (viel Licht und frische Luft, passende Pferde-Gesellschaft, wenige und kurze Fresspausen). Denn auch das seelische Gleichgewicht spielt bei der Stabilisierung einer chronischen Erkrankung eine überaus wichtige Rolle! Bis zum heutigen Tag erlitt Leo bei uns auf der Insel keinen weiteren Bronchospasmus oder ein vergleichbares Atemwegs-Problem. Er ist deutlich aufgeweckter und belastbarer: Das Spielen mit befreundeten Wallachen aus der Herde, das Wälzen oder die Bewegung auf unserem Trail bringen ihn nun nicht mehr aus der Ruhe. Selbst aus einer absoluten Krisensituation heraus (wie vor wenigen Wochen, als er leider einen Zaun-Unfall hatte) erholt Leo sich rasch und ähnlich schnell wie ein gesundes Pferd. Mittlerweile hat Leo den „Chefsessel“ in unserer Offenstall-Herde für sich beansprucht und somit unheimlich an Selbstbewusstsein gewonnen -ein Zeichen dafür, dass er sich gut und mittlerweile so fit fühlt, diese verantwortungsvolle Aufgabe zu meistern.

Horse Support freut sich über einen derartigen „Muster-Patienten“ – wir bedanken uns von ganzem Herzen bei seinen Besitzern, die Leo dieses beschwerdefreie Leben ermöglichen, für das große Vertrauen, dass uns entgegengebracht wird!