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Gefährliche Staupe Nur die Impfung schützt

von: Angela Werner
Tierärztin bei der Tierrettung München e.V.

Ratgeber Tiermedizin –

Eine der sogenannten „Core-Komponenten“ bei der Impfung eines Hundes ist die gegen Staupe – eine Krankheit, die nicht nur bei Hunden, sondern auch bei wildlebenden Fleischfressern vorkommt. Vor Einführung der Impfung in den 1960er Jahren war Staupe eine der verlustreichsten Seuchen, die in der Hundepopulation gewütet haben. Heute sieht man sie als Tierarzt nur noch selten – doch wenn, dann kommt es bei nicht geimpften Tieren leider häufig zu regelrechten Epidemien.

Verantwortlich für die Krankheit ist das Canine Staupevirus (Canine Distemper Virus, CDV), welches eng verwandt mit dem Masernvirus des Menschen ist. Es gibt verschiedene Subtypen des Virus, die sich hinsichtlich ihres krankmachenden Potenzials und ihrer bevorzugt befallenen Organe und Gewebe unterscheiden können. Die Widerstandsfähigkeit des Virus außerhalb eines lebenden Organismus ist vergleichsweise gering, es bleibt in geschlossenen Räumen oder auf Kleidung nur wenige Tage infektiös und lässt sich gut mit gängigen Desinfektionsmitteln beseitigen. Das Virus tritt weltweit auf und kann auch Wildtiere wie Fuchs, Dachs, Marder und Waschbär befallen. Vielleicht erinnert sich auch der eine oder andere an die großen Seehundstaupe-Epidemien aus den Jahren 1988 und 2002.

Die Ansteckung erfolgt als Tröpfcheninfektion.

Kleinste virushaltige Tröpfchen reichen aus, um das Virus von einem Hund auf den anderen zu übertragen. Betroffene Hunde können das Virus in allen Sekreten (z.B. Speichel, Nasensekret) und Exkrementen (Urin, Kot) ausscheiden. Andere Hunde können sich dann durch Einatmen oder Ablecken infizieren. Auch die indirekte Übertragung, zum Beispiel über Näpfe, Leinen oder die Kleidung der Besitzer ist möglich. Bis zum Auftreten erster Krankheitsanzeichen vergehen in der Regel 3-7 Tage. Nach etwa 8-9 Tagen kommt es zum Eintritt der Viren in die Blutbahn, oft begleitet von hohem Fieber. Zu diesem Zeitpunkt beginnt auch die Ausscheidung von Viren, die über mehrere Monate anhalten kann.

Der Verlauf der Krankheit ist abhängig von Immunsystem und Impfstatus sowie von Alter und Zustand des Hundes, krankmachendem Potenzial des beteiligten Virus und evtl. vorhandenen weiteren Krankheitserregern (Bakterien oder andere Viren). Bei einem sonst gesunden, erwachsenen Hund kann das Immunsystem in der Regel schnell auf den Angriff reagieren, und so kommt es im Idealfall nach etwa zwei Wochen zur Vernichtung des Erregers, oft ohne, dass dem Besitzer Symptome auffallen. Ist das Immunsystem beispielsweise durch eine andere Erkrankung vorbelastet oder noch nicht ausgereift, kann es zum Ausbruch der Erkrankung kommen. Die schwersten Verläufe treten bei nicht geimpften oder ungenügend geimpften Junghunden bis zum Alter von etwa 6 Monaten oder bei geschwächten älteren Tieren auf.

Die ersten Symptome

Das erste Symptom ist Fieber, evtl. in Kombination mit weiteren leichten Störungen des Allgemeinbefindens wie Appetitlosigkeit oder Abgeschlagenheit. Zudem sind die Lymphknoten im Rachenraum geschwollen und die Bindehäute und Nasenschleimhäute entzündet. Es folgt eine fieberfreie Zeit von 2-7 Tagen. Im Anschluss daran kommt es zum Befall verschiedener Organe, verbunden mit wechselnd oder anhaltend hohem Fieber.

Sind die Organe des Atmungstrakts betroffen, so spricht man von der „respiratorischen Verlaufsform“: Es kommt zu eitrigem Nasenausfluss, Husten und eventuell auch zu einer Lungenentzündung; Komplikationen können auftreten, wenn zusätzlich auch andere Erreger, oft Bakterien, beteiligt sind.

Sind die Organe des Verdauungstrakts betroffen, spricht man von der „gastrointestinalen Verlaufsform“: Es treten Erbrechen und Durchfall auf, die Tiere können austrocknen und wirken ausgezehrt.

Ist das Nervensystem betroffen, spricht man von der „nervösen Verlaufsform“: Es kommt zu einer Entzündung des Gehirns, der Hirnhäute und/oder des Rückenmarks. Die möglichen Symptome sind vielfältig und abhängig vom betroffenen Teil des Nervensystems. Es kann beispielsweise zu Krämpfen, epileptischen Anfällen, Lähmungserscheinungen, Augenveränderungen, Verlust eines oder mehrerer Sinne oder Demenz kommen. Bekannt ist der sogenannte StaupeTick, bei dem es wiederholt zu Zuckungen bestimmter Muskelgruppen kommt. Dies kann auch als Spätfolge jeder anderen Verlaufsform auftreten.

Die verschiedenen Verlaufsformen können auch in Kombination auftreten. Weiterhin bekannt ist das Auftreten einer „Staupe-Dermatitis“, also einer Entzündung der Haut, vor allem an Unterbauch, Schenkelinnenseiten und Ohrinnenseiten, vereinzelt auch in Zusammenhang mit einer Entzündung des äußeren Gehörgangs. Dies wird nicht direkt durch das Staupe-Virus verursacht, sondern durch andere Erreger wie Bakterien oder Parasiten, die die Schwächung des Immunsystems durch das Staupe-Virus ausnutzen.

Als Spätfolge einer Staupe-Infektion kann bei Junghunden ein „Staupe-Gebiss“ auftreten. Damit sind Defekte im Zahnschmelz gemeint, die lebenslang sichtbar bleiben und auftreten können, wenn kurz vor dem Wechsel von Milchgebiss auf bleibendes Gebiss eine schwere Staupe-Infektion aufgetreten ist.

Ebenfalls möglich ist die Infektion eines ungeborenen Welpen, wenn die Mutter sich während der Trächtigkeit infiziert. Zunächst sind die Welpen dann durch Antikörper geschützt, die sie von ihrer Mutter über die Muttermilch erhalten. Dieser Schutz ist jedoch zeitlich begrenzt, und so treten die ersten Symptome klassischerweise im Alter von etwa 4-6 Wochen auf.

Diagnose und Therapie

Die Diagnose durch den Tierarzt erfolgt in aller Regel anhand des Vorberichts, den der Besitzer liefert sowie anhand des Alters und der Krankheitsanzeichen des Hundes. Ein Nachweis des Virus kann anhand von Schleimhautabstrichen erfolgen. Die Therapie kann nur symptomatisch, d.h. nicht direkt gegen den Erreger gerichtet, sondern nur die Symptome erleichternd, erfolgen. Da es sich bei dem Erreger um ein Virus handelt, steht kein Medikament zur Verfügung, was diesen direkt abtötet (im Gegensatz zu Bakterien – dort helfen Antibiotika).

Wichtig ist zunächst, strenge allgemeine Hygienemaßnahmen wie die Isolation des betroffenen Hundes, Händehygiene und Kleidungswechsel einzuhalten, um eine weitere Verbreitung möglichst zu verhindern. Weiterhin sind Infusionen wichtig, um einerseits Flüssigkeitsverluste durch Erbrechen und Durchfall zu kompensieren und andererseits eine Eindickung des Sekrets im Atmungstrakt zu verhindern. Heftiges Erbrechen kann medikamentös gestillt werden. Um die Atemwege zu befeuchten, kann man den Hund inhalieren lassen. Zusätzlich können Medikamente verabreicht werden, die die Atemwege erweitern. Besonders bei schweren Fällen kann es sinnvoll sein, Antibiotika mit breitem Wirkspektrum einzusetzen, um eine Sekundärinfektion v.a. der Lunge durch Bakterien zu verhindern und dadurch Komplikationen zu vermeiden. Zentralnervöse Störungen, z.B. Krampfanfälle, können mit Medikamenten unterdrückt werden. Unterstützend können Vitamine, v.a. Vitamin B und Vitamin E verabreicht werden.

Eine weitere vereinzelte Nebenerscheinung ist die sogenannte Hartballenbildung (engl. hard pad disease), bei der es zu einer übermäßigen Verhornung der Pfotenballen und der Nase kommt.

Milde Verläufe haben eine günstige Prognose. Bei Junghunden mit schweren Verläufen oder Hunden mit anhaltenden zentralnervösen Symptomen ist die Prognose leider schlecht bis hoffnungslos.

Prophylaxe-Maßnahmen

Für Hunde (und übrigens auch Frettchen) steht ein Impfstoff gegen Staupe zur Verfügung. Hunde werden in der Regel zeitgleich auch gegen Parvovirose, Leptospirose, Zwingerhusten, ansteckende Leberentzündung und gegebenenfalls Tollwut geimpft. Um eine belastbare Grundimmunisierung zu erhalten, sollte idealerweise im Alter von 8, 12 und 16 Wochen geimpft werden. Eine Wiederholung findet dann nach einem Jahr, also im Alter von etwa 15 Monaten statt und danach alle 3 Jahre bzw. je nach Angaben des Impfstoffherstellers. (Frettchen werden im Alter von 8 und 12 Wochen geimpft und danach jährlich.)


Angela Werner
Tierärztin bei der Tierrettung München e.V.

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