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Hilfe, meine Katze pinkelt in die Wohnung

Ein Bericht von: Dr. Tina Hölscher

Fast jeder Katzenliebhaber hat mindestens ein derartiges Problem im Bekanntenkreis, wenn nicht sogar in der eigenen Wohnung: Auf einmal – ohne ersichtlichen Grund – fangen Katze oder Kater an, in die Wohnung zu urinieren.

Und das nicht nur einmal täglich, sondern mehrmals, und das nicht an einem Tag, sondern fortan jeden Tag. Die Wohnung fängt trotz intensiven Putzens an zu stinken, die Geduld des Tierbesitzers ist irgendwann erschöpft. Die Katze stört das alles nicht, es wird weiter gepieselt, ohne Rücksicht auf Verluste. Im besten Fall handelt es sich hier um einen unkastrierten Kater, der die Geschlechtsreife erreicht hat. Eine kleine OP und die Unannehmlichkeit ist im Griff. Doch in etwa 5% der Fälle markieren auch Kätzinnen und circa 10% der Kater nach der Kastration. Eigentlich in Freiheit ein normales Verhalten, doch in der Wohnung vom Menschen mehr als unerwünscht. Zum Schluss steht oft nur noch eine Frage im Raum: Was mache ich mit dieser Katze? Trennt man sich von dem Tier oder nimmt man die Unart hin und lebt fortan im Urindunst.

Doch ganz so aussichtslos ist die Lage nicht. Ist der Tierhalter bereit, dem Übel auf den Grund zu gehen, gibt es durchaus Wege aus dieser katastrophalen Situation: Im ersten Schritt muss abgeklärt werden, ob es sich um ein organisches oder ein psychisches Problem handelt. Die Art des Harnabsatzes gibt erste Hinweise darauf. Die Körperhaltung der Katze bzw. des Katers ist hier hilfreich. Hockende Stellung, herabhängender Schwanz und Urinabsatz nach unten sprechen eher für eine organische Störung, da das Tier auf diese Weise nur selten markiert. Zeigt der Schwanz hingegen senkrecht in die Höhe, zittert und wird der Strahl waagrecht nach hinten auf senkrecht stehende Flächen (Wände etc.) herausgespritzt oder werden persönliche Gegenstände (z.B. Bettwäsche) bevorzugt, handelt es sich um Markierverhalten. In diesem Fall ist das Problem psychischer Natur. Vor allem nervöse, eher ängstliche Katzen neigen dazu. Man mutmaßt, dass der Geruch des eigenen Urins ihnen zu vermehrter Selbstsicherheit verhilft.

Auch wenn man bereits die Vermutung hat, die Katze markiert, sollte der erste Weg zum Tierarzt führen. Auch Blasenentzündungen und andere Erkrankungen führen zu häufigem zwanghaften Harnabsatz. Nur der Tierarzt kann organische Störungen definitiv ausschließen. Im Übrigen können auch unsaubere Katzenklos oder mehrere Katzen, die ein Klo gemeinsam benutzen müssen, dazu führen, dass das Ausscheidungsverhalten außerhalb des Klos stattfindet, was dann aber nichts mit Markierverhalten zu tun hat.

Hat die Katze körperlich erwiesenermaßen keine Beschwerden, handelt es sich um ein Verhaltensproblem. Die konkreten Gründe, warum eine Katze anfängt zu markieren, können sehr vielfältig sein. Fachleute diskutieren darüber, ob das Markierverhalten nicht zum Teil auch eine genetische Veranlagung ist, das durch bestimmte Auslöser ans Tageslicht kommt. In der freien Natur meiden Katzen Pfade, auf denen andere Katzen markiert haben. Dies dient dazu, Streitereien unter Artgenossen zu minimieren. So vermutet man, dass Katzen in Gruppenhaltung auf beschränktem Raum deshalb markieren, weil sie ihr Revier abstecken wollen und es für sich beanspruchen möchten. Denn oft sind es gerade Mehrkatzenhaushalte, in denen markiert wird. Weitere auslösende Faktoren können Veränderungen der Umgebung der betreffenden Katze sein. Katzen können sich nur beschränkt artikulieren. Leider gehört das Markieren zu einer der wenigen Möglichkeiten der Katze sich auszudrücken. Ganz wichtig ist: Es handelt sich nicht um Protestverhalten im Sinne von „Ich mach hier Pippi, um Dich zu ärgern“. Die Katze versucht lediglich, sich auf die ihr eigene Art und Weise auszudrücken.

Normalerweise findet das Markierverhalten nur im Freien statt. Im Haus oder in der Wohnung reichen die stimulierenden Faktoren in der Regel glücklicherweise nicht aus, um die Katze zum Markieren zu animieren. Wenn dann aber für die Katze drastische Veränderungen eintreten, kann das reichen, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Das können neue Einrichtungsgegenstände wie eine Sofagarnitur oder ein Umzug in eine neue Umgebung sein. Auch ein neuer tierischer Mitbewohner kann die Stammkatze derart irritieren, dass sie anfängt eine für sie deutlichere Sprache zu sprechen. Sehr oft sind „neue“ Familienmitglieder, in Form von Lebenspartnern im Haushalt, ein Grund. Die Katze kann dann die Veränderung in ihrem Umfeld nicht so einfach kompensieren. Freigang löst das Problem – gleichgültig welchen Ursprungs – meist, doch ist es leider oft nicht realisierbar, wenn es vorher schon nicht möglich war, die Katze hinaus zu lassen.

Die Katze will den Menschen nicht ärgern

Im besten Fall also sollte die Ursache behoben werden, z.B. das Möbelstück entfernt oder für die neue Zweitkatze ein anderes Zuhause gefunden werden. Dies ist jedoch nicht immer möglich, wie in Bezug auf den neu eingezogenen Partner deutlich wird. Dann müssen andere Strategien entwickelt werden. Bestrafung in Form von körperlicher Züchtigung bringt nichts. Im Gegenteil, Schläge und Beschimpfungen verschlimmern das Problem. Auch die weit verbreitete Vorgehensweise, die Nase des Tieres in den Urin zu tunken, verschlechtert lediglich das Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Die Katze markiert nicht, um den Menschen zu ärgern oder zu provozieren. Das muss sich der Tierhalter klar machen. Erst dann kann er richtig an die Problematik herangehen.

Wenn die Katze nur in bestimmten Räumen markiert, kann es schon reichen, ihr den Zugang zu diesen Zimmern zu verwehren. Spritzen ausschließlich in der Wohnung gehaltene Katzen, wenn sie Artgenossen im Freien durchs Fenster sehen, empfehlen Verhaltensforscher, die untere Hälfte der Fenster mit lichtdurchlässiger Plastikfolie zu bekleben. In weniger schwerwiegenden Fällen kann es helfen, ein paar Brocken Trockenfutter an den Stellen auszulegen, an denen die Katze markiert. Manchmal müssen an diesen Orten auch feste Futterplätze etabliert werden, damit dieser Platz für die Katze eine neue Bedeutung erlangt. Sie muss ihn als Fressplatz anerkennen. Somit ist dieser Ort für sie psychologisch anders besetzt. Weiterhin kann man die Oberflächenstruktur der bespritzen Stellen verändern. Das hält die Katze dann oft ab, sich zu verewigen. So kommt hier das Anbringen von doppelseitigem Klebeband, an dem die Katze leicht haften bleibt, in Frage oder die Abdeckung mit Plastikfolien. Manchmal sind derlei simple Maßnahmen schon ausreichend.

Milde Bestrafung z.B. in Form von „in die Hände klatschen“ ist nur dann wirksam, wenn die Katze in Flagranti erwischt wird. Zumindest wird dann nicht mehr in Gegenwart des Besitzers markiert, was wenigstens zu einer allgemeinen Reduzierung der Markierfrequenz führt. Eine weitere Chance bietet ein Spray, das Pheromone enthält. Die betroffene Stelle wird eingesprüht und riecht ab dann aus Sicht der Katze angenehm. Das Markieren wird unterlassen. Das Sprühmittel ist beim Tierarzt erhältlich. Grundsätzlich müssen die Verunreinigungen immer gründlich beseitigt werden, um erneutes Markieren zu vermeiden!

Auch medizinische Hilfe ist möglich

Markiert die Katze an zu vielen verschiedenen Stellen oder aber sind all die obengenannten Vorschläge aus anderen Gründen nicht wirksam, muss zu Medikamenten gegriffen werden. Ein Großteil der Katzen kann damit, wenn alles andere gescheitert ist, therapiert werden. Oft muss das Medikament dauerhaft eingesetzt werden. Versuchsweise kann man die Dosis immer mal wieder verringern oder das Medikament auch gänzlich absetzen, doch oft muss das Tier lebenslang behandelt werden. Alle diese Medikamente haben Nebenwirkungen, doch als Ultima Ratio sind sie durchaus ein probates Mittel. In Haushalten mit mehreren Katzen (eine maximale Gruppengröße von 8-10 Tieren sollte nich überschritten werden!) ist oft nicht klar, wer der markierende „Bösewicht“ ist. Um ihn zu identifizieren, kann man der hauptverdächtigen Katze ein fluoreszierendes Mittel eingeben oder spritzen, vorzugsweise gegen Nachmittag. Wenn im Dunkeln dann die Urinflecken auch leuchten, hat man den Übeltäter ausgemacht. Außer der Kastration wird in Fachbüchern von weiteren chirurgischen Methoden berichtet, die helfen sollen: Zum einen wird empfohlen, Teile des Riechorgans zu entfernen, zum anderen die Entfernung einer bestimmten Muskelgruppe im Beckenbereich, die das Spritzen nach hinten möglich macht. Beide Methoden sind aus tierschützerischer Sicht abzulehnen und sollten, wenn überhaupt, nur dann diskutiert werden, wenn ansonsten die Euthanasie die einzige Alternative ist, die in Frage kommt.