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Animalhoarder – es sind Wiederholungstäter

Ein Bericht von: Ulrike Sengmüller

„Oh nein, nicht schon wieder“, schoss es Ralf durch den Kopf, als er die Nachricht von einem Animalhoardingfall bekam. Knapp 276 Tiere – Kaninchen und Meerschweinchen waren zu retten und unterzubringen. „Nicht schon wieder“ hat in diesem Fall weniger mit dem Animalhoarding als solchem zu tun.

Wir hätten es gerne anders, aber auch das gehört zu dem, was unser Verein für den Tierschutz tut. „Nicht schon wieder“ hat viel mehr damit zu tun, dass es genau dieselbe Halterin war, wie drei Jahre zuvor.

Bereits 2013 war der Kaninchenschutz e.V. (KS) von einer aufmerksamen Bürgerin kontaktiert worden, die die Unmengen an Kaninchen und Meerschweinchen auf dem Hof der Halterin und ihre Haltung fragwürdig fand. Eine erste Besichtigung des Hofes im November 2013 durch Ralf und eine Vereinskollegin Mareen ergab noch nicht ganz so schlimme Zustände. Dennoch wandten sie sich an den zuständigen Amtsveterinär. Der war aufgeschlossen, besuchte das Anwesen und verhängte angesichts der Masse der Tiere eine Reduzierung. Seine Kontrolle einige Zeit später ergab, dass nichts passiert war. Eine neuerliche Verordnung zur Reduzierung erfolgte, die wieder nicht befolgt wurde. Solche Dinge ziehen sich. Hier hatten wir aber das Glück einen sehr engagierten Amtsveterinär zur Seite zu haben mit dem Ralf in regelmäßigem Kontakt stand. Als auch die zweite Reduzierungsverordnung ignoriert wurde, entschloss sich der Amtsveterinär zu einer Räumung und Beschlagnahme der Tiere. Es begann eine konzertierte Aktion von Veterinäramt und KS.

Im Vorfeld telefonierten aktive Mitglieder des KS Tierheime und Pflegestellen nach Plätzen für die Tiere ab. Einen Notfall mit insgesamt 293 Tieren kann in der Regel kein Tierheim alleine stemmen. Zu diesem Zeitpunkt waren uns die genaue Anzahl der Tiere und auch ihr Krankheitszustand aber noch nicht bekannt. Wir fragten erst einmal, wie viele Plätze frei waren. „Wir“ heißt in diesem Fall unser Verein. Der Notfall war in Niedersachsen also weit außerhalb meines eigenen Wirkungskreises. An einem Samstag im September 2014 war der große Tag: Der Amtsveterinär und acht Mitglieder des Kaninchen schutz e. V. begannen die Räumung und Beschlagnahme der Tiere. Die erste Stippvisite des Amtsveterinärs in der Garage ließ diesen erschrecken: Die Kaninchen in den Buchten hatten wohl lange kein Wasser mehr. Also bestand die erste Maßnahme darin, sie damit zu versorgen. Die Kaninchen waren aber auch im Garten untergebracht und im Haus. Den Helfern boten sich erschreckende Anblicke: verdreckte Käfige und Kaninchenbuchten; unterversorgte, hungrige und zum Teil auch verendete Tiere. Zu Anfang war gar nicht klar, wie viele Tiere es waren. Wir fingen an mit mitgebrachten Transportboxen und zugekauften Umzugskartons (die für eine einmalige Fahrt ausnahmsweise reichen). Im Laufe der Aktion musste Ralf zwei Mal zum Baumarkt fahren, um weitere Kartons zu kaufen. 117 Kaninchen, 170 Meerschweinchen und sechs Degus wurden so gerettet und, so schnell es ging, abtransportiert. Die größte Schwierigkeit stellte der Garten dar. Hier hatten die Kaninchen im Laufe der Zeit unzählige unterirdische Gänge angelegt, in die sie sich natürlich flüchteten. Man kann immer nur zur Seite gehen und abwarten bis sich wieder ein paar heraus trauen. Eine langwierige Aktion.

Wie geht so eine Aktion weiter?

Wir hatten das Glück, dass Ralfs Mutter uns für unsere Hilfsaktion sowohl ihren Garten als auch ihre Gartenlaube zur Verfügung stellte. Im Garten wurden die Kaninchen und Meerschweinchen in Freigehegen gesammelt. In der Gartenlaube fanden die kleine Erstuntersuchung und die Katalogisierung statt. Unser aktives Mitglied Marit, eine erfahrene Kaninchenhalterin und Tierarzthelferin, übernahm die Erstbeschau, d.h. die vorläufige Bestimmung von Geschlecht und Gesundheitszustand (natürlich wurden die Kaninchen später weiteren Tierärzten vorgestellt). Die Tiere wurden katalogisiert, nummeriert und ihre Krankheiten erfasst. Die tierärztliche und auch ernährungsmäßige Unterversorgung sowie die unhygienischen Haltungsbedingungen ließen sich deutlich am Gesundheitszustand der Tiere ablesen. Beispiele dafür sind Walter und Werner, die bei unserer bewährten Pflegestelle Jenny ihre Heimat fanden. Beide hatten Biss- und Kampfspuren, die dadurch entstehen, dass unkastrierte Rammler auf andere treffen. Hinzu kamen Kokzidien, verschiedene Milben und bei Walter eine abgerissene Oberlippe. Die beiden wurden Patenkaninchen des KS und hatten bei unserer erfahrenen und liebevollen Pflegestelle Jenny immerhin drei sehr schöne Jahre. Am Ende dieses Samstages waren 90% der Kaninchen durch unseren Verein über Fahrketten und Mitfahrgelegenheiten verteilt auf die vorher antelefonierten Tierheime und Pflegestellen. 60 Meerschweinchen fuhr Ralf dann am Sonntagmorgen von Niedersachsen nach NRW, wo sich eine private Pflegestelle bereit erklärt hatte, sie auf zunehmen. Die restlichen Kaninchen wurden in den Tagen danach verteilt. Erst mal geschafft... und ein herzliches Dankeschön an Ralfs Mutter, die all das unterstützt hat!

Drei Jahre später, das gleiche Bild: 276 Tiere, die versorgt werden müssen. Die Halterin war insofern clever, als sie sich einfach ein paar Kilometer weiter in einem anderen Bundesland einen neuen Bereich gesichert hatte, in dem die Tiere gehoarded werden konnten. Nach dem Motto: neues Veterinäramt – neue Chance. Leider keine Chance für die Tiere.

Diesmal war die Zusammenarbeit mit dem zuständigen Veterinäramt nicht so wie beim ersten Mal – obwohl wir unsere Hilfe anboten. Das Veterinäramt wollte eigentlich gar nicht tätig werden. Erst eine mediale Aufmerksamkeit bzw. die dabei gemachten Aufnahmen erreichten die nächste Räumung (wohlgemerkt bei jemandem, der eigentlich Haltungsverbot hat). Es wurde nur ein einziges Tierheim kontaktiert, das all das leisten sollte. Für die kranken Tiere nahm man doch unsere Hilfe an. 35 zum Teil sehr kranke Kaninchen kamen in erfahrene Pflegestellen unseres Vereins. Leider mit Verlusten.

Die lange Vernachlässigung hat sich auch hier wieder gezeigt. Für uns Helfer ist das wohl das Schlimmste: Man rettet ein Tier aus schlimmen Verhältnissen und dann, wenn es endlich umsorgt wird, stirbt es. Vielleicht lassen sie einfach los, wenn sie nicht mehr kämpfen müssen? Um andere wie Puddin kämpfen wir noch. Er ist bei unserer Großpflegestelle in der Lüneburger Heide. Dort wird auch Marylin mit ihren vier gesunden Babys (ein weiteres war eine verkrüppelte Totgeburt) versorgt. Jetzt gilt es erst einmal, die Tiere durch zu bringen. Alle sind Schnupfer und unterernährt. Darüber hinaus haben sie unterschiedlichste Krankheiten wie Krallenbettentzündung, Zahnprobleme, Dermatitis usw. Das gilt auch für die Kleinen. Nach anfänglichen Problemen hat die Mama immerhin Milch und kann sie versorgen. Dennoch benötigen die Kleinen mehr für ihren Start ins Leben. Das gilt auch für die restlichen Überlebenden. Sie brauchen Unterstützung.

Bei den Meerschweinchen hatten wir wieder Glück: Unsere Katja fand eine Pflegestelle, die 30 aufnahm. Viele hatten Bisswunden und so einige auch Degenerationserscheinungen durch die Inzestvermehrung; beispielsweise sechs statt nur fünf Krallen pro Pfote. Es ist leider zu erwarten, dass sich in drei Jahren wieder dasselbe Bild bietet. Wieder knapp 300 Tiere, die unterversorgt sind und sich unkontrolliert vermehren. Selbst wenn ein Haltungsverbot ausgesprochen wurde. Tierhorter haben meist psychische Störungen, sehen sich selbst als Retter und sehen nicht den Schaden, den sie den Tieren zufügen. Was kann man machen? Hinsehen. Als Anhaltspunkt gilt für uns, dass Kaninchen oder auch Meerschweinchen etwa zwei qm pro Tier benötigen. Animal Hoarding beschränkt sich aber nicht auf Kleintiere, auch Katzen und Hunde können Opfer sein. Ein Anzeichen ist immer die Verwahrlosung und Unterernährung. Wer der Meinung ist, dass etwas nicht stimmt, kann dies an Tierschutzvereine melden. Das ist erst einmal unverbindlich und keine Anzeige. Aber Sachkundige sehen sich dies an und können entscheiden, wie weiter zu verfahren ist. So können Sie helfen.