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Eichhörnchen-Zeitgenossen Genossen auf Zeit

Ein Bericht von: Dieter Redl

Wenn dieser Artikel erscheint, werden die „Feuerwehrleute“ der Tierrettung sich nach einem sehr milden Winter schon mit zahlreichen Wildtierjungen befasst haben, darunter sicher auch mit Eichhörnchenbabys.

Dabei stoßen die Helfer der Tierrettung schnell an organisatorische und personelle Grenzen. Warum das so ist, erklärt sich aus den Anforderungen, die an die Aufzucht und Pflege von Eichhörnchenwaisen gestellt werden. Im folgenden soll knapp beschrieben werden, warum Eichhörnchenbabys mutterlos aufgefunden werden, welche Kriterien bei der Einschätzung des Zustands der Findelkinder anzulegen sind und schließlich, welche Maßnahmen kurz und mittelfristig zur Versorgung der Tiere notwendig sind. Für die Leser soll dies ein Leitfaden zur erfolgreichen „ersten Hilfe“ und kann eine Anregung zu möglicherweise langfristigem Engagement für diese Wildtiere sein. Jedem „Retter“ muss von vorneherein klar sein, dass Eichhörnchen keine Haustiere, kein Kinderspielzeug und keine Handelsware sind. 

In der Großstadt suchen Eichhörnchenmütter sich oft Nistplätze auf Balkonen und Mauervorsprüngen von mehrstöckigen Häusern. Wenn sie sich gestört fühlen, ziehen sie mit ihren Jungen um, dabei bieten Fassaden meist nicht den gleichen Halt wie Bäume. Es kommt zu Abstürzen, bei denen die Jungen sich nicht genügend am Muttertier festhalten können. Auch die Nester auf Bäumen sind nicht immer sicher: Bei Sanierungsarbeiten an Bäumen und Fäll-arbeiten berücksichtigen die „Spezialisten“ oft vorhandene Nistplätze nicht. Dazu ist die Natur auch grausam genug, dass Eichhörnchenmütter schwache Kinder ausstoßen, um den Rest des Wurfs besser versorgen zu können.

Unterkühlung und Dehydrierung

Besonders in den ersten fünf Wochen, in denen die Tiere noch nackt sind, kühlt ein Eichörnchenbaby sehr schnell aus, wenn es längere Zeit nicht von seiner Mutter betreut wird. Ob ein Tier dehydriert ist, lässt sich leicht feststellen. Indem man seine Haut am Rücken etwas zusammendrückt: Geht die entstandene Falte nur langsam zurück, ist der Findling akut gefährdet. Neben Katzen machen sich auch Krähen und Raubvögel über die Jungen her. Besonders gefährlich sind Katzenbisse wegen der im Katzenspeichel immer vorhandenen Pasteurellen. Bei Stürzen aus größeren Höhen kommt es oft zu schweren Verletzungen. Besonders schlimm sind wegen der Spätfolgen Kieferverletzungen bzw. Verschiebungen.

Flöhe sind häufige Quälgeister besonders schon behaarter Eichhörnchenbabys. Da Flöhe enorme Mengen Blut saugen können, ist ein Jungtier schnell blutleer. Dass sich Fliegenmaden im Fell oder schon unter dem Fell verletzter Tiere oder schwacher Tiere bewegen, kommt oft vor; in diesem Fall sollte sofort ein Tierarzt aufgesucht werden. Unsichtbar und nur durch ärztliche Untersuchung feststellbar sind Kokzidien, die der Arzt mit Appertex (r) bekämpfen wird und Würmer. Auf Befall mit diesen Parasiten kann man schließen, wenn ein Tier nicht zunimmt.

Was ist zu tun, wenn man ein verlassenes Tier findet?

Zunächst hängt das Handeln vom Fundort, der Tageszeit und den äußeren Umständen ab. Birgt der Ort für das Tier Gefahren durch nahe Straßen, freilaufende Hunde und Katzen usw. sollte man das Tier sofort aufnehmen. Dies gilt auch, wenn es schon Dunkel wird, weil Eichhörnchenmütter dann kaum noch aktiv sind und die Jungen eine Nacht allein im Freien selten überstehen. Sonst kann man oft abwarten, ob die Eichhörnchenmutter ihr verlorenes Kind noch abholt. Ist ein Tier unterkühlt, muss es gewärmt werden. Eichhörnchenmütter lehnen ihr Junges eher ab, wenn es unterkühlt oder verletzt ist als wenn es von Menschen berührt wurde. Da Eichhörnchen immer mehrere Junge haben, sollte man immer die Umgebung nach weiteren Jungen absuchen, wenn man ein einzelnes gefunden hat. Hat man ein Tier mit nach Hause genommen, sollte man es vor allem warm halten und mit Flüssigkeit, die ersten Stunden aber keinesfalls mit Milch, versorgen. Der nächste Schritt muss die Untersuchung auf Verletzungen sein. Tiere mit blutenden oder schon verkrusteten Wunden oder Lähmungserscheinungen müssen zum Tierarzt gebracht werden. Fliegenmaden fressen sich durch kleinste Wunden und durch Körperöffnungen unter das Fell der Tiere. Sie sofort und gründlich zu entfernen ist dringend und nicht nur einmalig notwendig. Flöhe lassen sich aus dem Fell mit einem entsprechenden Kamm recht gut entfernen. Zecken lassen sich bei Eichhörnchen mit einer handelsüblichen Zeckenzange entfernen. In allen aufgeführten Fällen sollte man die „Ergebnisse“ von einem Tierarzt überprüfen lassen, der über die weitere Vorgehensweise und den möglichen Einsatz von Antibiotika und anderen Medikamenten entscheiden kann. Grundsätzlich sollte man mit schwachen und noch sehr jungen Tieren einen Tierarzt aufzusuchen. (Die meisten Tierärzte gehen von dem Grundsatz aus, dass Wildtiere niemandem gehören und daher auch an niemanden eine Rechnung ausgestellt werden kann.)

Wärmen und Unterbringen

Ohne Wärmflasche kommen die Babys nicht aus. Die Wärmflasche sollte immer handwarm und mit weichen Tüchern oder Tuchresten abgedeckt sein. Darauf bildet man aus weiteren Tüchern ein Nest, das gerade der Größe des Eichhörnchens entspricht und oben gut und lichtdicht abgedeckt wird. Das Nest kann in einer Pappschachtel deponiert werden, die aber immer genügend beschwert zugedeckt sein sollte.

Füttern

Das bedeutet keinesfalls Füttern mit Kondensmilch, mit Kuhmilch, mit Sahne, mit Früchtebrei, mit Nüssen, die man den Kleinen vor die Nase legt, und man darf die Tiere nicht gleich nach dem Auffinden füttern. Flüssigkeitsersatz: 500 ml Wasser abkochen, abkühlen lassen, eine Miniprise Salz, drei Teelöffel Traubenzucker, notfalls Zucker oder Honig. Gefüttert wird am besten mit einer 1ml Spritze, die seitlich ins Maul eingeschoben wird. Man kann anfangs auch einen Finger in die Lösung eintauchen und damit die Lippen des Babys benetzen, irgendwann beginnt es zu schlecken. Wenn ein Tier, meist aus Schwäche, gar nicht trinken will, muss der Tierarzt Elektrolytlösung unter die Haut spritzen. Erst dann darf an Milchfütterung gedacht werden.

Die Aufzuchtsmilch Gut bewährt haben sich die laktosefreien Milchpulverprodukte Humana SL und Gimpet(r) Cat-milc. Zum Anrühren: Fencheltee, dazu Kondensmilch (mind. 7,5% Fettgehalt, sehr wichtig!), Vitacombex( r) Vitaminpräparat, Calciumcarbonat Pulver (aus der Apotheke), etwas reinen Joghurt 3,5% Fettgehalt und Sab Simplex verschließbare Gläschen, mehrere 1ml Spritzen (natürlich ohne Nadel), später auch 5ml- und 10ml Spritzen.

Mischverhältnis Tiere bis vier Wochen und frisch aufgefundene nur so füttern!: 1 Teelöffel Grundstoff (Humana SL) + 8 Teelöffel Tee + 1 Teelöffel Kondensmilch + einige Tropfen Sab Simplex(r).Dazu ein Tropfen Vitacombex(r) und eine Messerspitze Calciumcarbonat. Es muss ganz vorsichtig gefüttert werden. Der winzige Magen-Darm-Trakt muss sich erst wieder an eine Nahrung gewöhnen. Andere: 1 Teelöffel Grundstoff (Humana SL, Gimpet(r) + 4 Teelöffel Tee + 2 Teelöffel Kondensmilch + Sab Simplex(r). Dazu einen halben Teelöffel Joghurt, ein paar Tropfen Vitacombex(r) und eine kleine Messerspitze Calciumcarbonat.

Nahrungsmenge pro Mahlzeit
Gewicht geteilt durch 100 mal 5 (Gewicht/100) x 5 = ml Milch. (Täglich wiegen!).

Wie wird die Milch gefüttert?
Diese Nahrung gibt man den kleinsten Eichhörnchenbabys am besten mit Hilfe einer 1ml-Spritze (natürlich ohne Kanüle) langsam und lauwarm zu trinken. Es wird verhindert, dass Flüssigkeit in die Atemwege gespritzt wird. Für die Eichhörnchenbabys ist es am angenehmsten, wenn Sie sie „bäuchlings“ füttern. Am Anfang muss man die Eichhörnchenbabys aber häufig in die Hand nehmen und seine Vorderbeine über den eigenen Daumen und Zeigefinger legen, mit dem kleinen Finger die Hinterbeine stützen und es so in aufrechter Position füttern. Dabei ist sehr viel Geduld erforderlich. Bewährt hat es sich, „widerspenstige“ Eichhörnchenbabys in etwas Küchenkrepp einzuwickeln. Was oben reingeht, muss unten, wenigstens teilweise, wieder raus. Die Eichhörnchen Mutter füttert ihre Jungen nicht nur, sie fördert die Verdauung, indem sie den Bauch massiert und legt sie trocken, indem sie die Harnwege stimuliert und den Urin wegleckt. Das ist nun die Aufgabe der Ersatzeltern. Nach jeder Fütterung muss etwa bis zur siebten Woche unbedingt dafür gesorgt werden, dass das Baby urinieren kann. Dies macht man mit vorsichtigen „Gegentippen“ oder „Abstreichen“ des Geschlechtsteils. Am besten man nutzt dazu eine Ecke eines weichen Papiertuchs. Alles, was man im Rahmen der „Tierrettung“ wissen sollte, ist damit aufgezeigt.

Unter www.eichhoernchen-schutz.de finden sich Hinweise auf den weiteren „Lebensweg“ der Findlinge bis zur Auswilderung mit zwölf Wochen. Am Notfalltelefon 0700/ 436 762 436 oder 0431/ 592 939 der Eichhörnchenschutzgemeinschaft werden Finder beraten (Rückruf!), und gegebenenfalls mit einer Auffangstation verbunden. Bedanken möchte sich der Autor ganz herzlich bei Frau Dr. Menges, die es ihm und der Eichhörnchenschutzgemeinschaft ermöglicht hat, den Lesern das Problem der Eichhörnchenfindlinge näher zu bringen. Für Leser, die wissen wollen, auf was sie sich einlassen könnten: Der Autor dieses Textes betreibt zusammen mit seiner Frau seit drei Jahren im Rahmen der Schutzgemeinschaft eine Aufzuchtsstation für Eichhörnchen im Münchner Umland. In diesem Zeitraum wurden ca. 100 Hörnchen, die bei der Aufnahme drei bis sechs Wochen alt waren, betreut und ausgewildert.