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Ottos Schokoladenschlacht

Ein Bericht von Dr. Gabor Horvath, Anna Horbelt, Sandy Both & Nora Kratzer

Rettungseinsätze –

Der Notruf erreichte Tierarzt Dr. Gabor Horvath um 21:45 Uhr in der Münchener Dienststelle der Tierrettung München. Ein 16-jähriger Junge berichtete besorgt, sein Labradorrüde „Otto“ hätte eine größere Menge Schokoladenmuffins gefressen. Da Schokolade für Hunde bekanntermaßen giftig ist, machte er sich nun große Sorgen um das Tier. Otto würde bereits auf der Seite liegen und immer wieder unkontrolliert mit den Gliedmaßen zucken.

Die Sorge war berechtigt, denn den Inhaltsstoff Theobromin in Schokolade können Hunde nur sehr langsam verstoffwechseln. Je nach Menge des aufgenommenen Theobromins und Empfindlichkeit des Tieres treten bei übermäßigem Schokoladenkonsum Vergiftungserscheinungen wie Erbrechen, Durchfall, Hyperaktivität, gesteigerter oder unregelmäßiger Herzfrequenz bis hin zu Krampfanfällen und Bewusstseinsstörungen auf. Auch Dr. Horvath wusste, dass hier eine Schokoladenvergiftung vorliegen musste. Schon auf dem Weg zum tierischen Patienten fragte der Tierarzt deswegen die relevanten Fakten ab. Das Gewicht des Hundes ist eine ebenso wichtige Berechnungsgrundlage wie Menge und Art der verzehrten Schokolade. Komplikationen, wie das zusätzliche Aufessen von Alufolie der Schokoladenverpackung, sind zusätzlich zu bedenken.

Labrador Otto hatte es, so kann man wohl sagen, am Geburtstag seines Herrchens ordentlich krachen lassen. Der Familienvater war an diesem Abend mit seiner Frau ausgegangen, während die drei minderjährigen Kinder und Hund Otto es sich Zuhause gemütlich gemacht hatten. Otto hatte eine Gelegenheit beim Schopfe gepackt und sich anlässlich des Geburtstages zunächst ein Blech mit Schokomuffins gegönnt. Nach Schätzung des jungen Besitzers dürften das etwa 50g Kakaopulver, 250g Schokoglasur und 240g Bitterschokolade gewesen sein. Später kam heraus, dass der Labradorrüde auch noch eine Tafel Vollmilchschokolade verputzt hat. Ein Dessert geht schließlich immer!

Als Tierarzt Dr. Horvath und Assistentin Anna Horbelt 20 Minuten nach dem Notruf im Haus der Familie eintrafen, hatte Otto seine kleine Schokoladenschlacht vermutlich schon bitter bereut. Ihm war offensichtlich elend, er litt unter Herzrasen und zeigte vereinzelte Zuckungen der Gliedmaßen. Es half alles nichts: Die Schokolade, so lecker sie auch sein mochte, musste schnell wieder aus dem Hund heraus. Dr. Horvath verabreichte Aktivkohle und Apomorphin und brachte Otto damit mehrfach zum Erbrechen.

Neben jeder Menge Schokolade beförderte der arme Otto hierbei auch noch die Weintrauben wieder zutage, die er offenbar gänzlich unbemerkt verschlungen hatte.

Otto hatte die Quittung für den Geburtstagsschmaus bekommen. Weil die Eltern noch nicht wieder Zuhause waren, empfahl Dr. Horvath, den Rüden durch die Tierrettung München in die Tierklinik bringen zu lassen. Denn auch nach dem Erbrechen bestand die Gefahr, dass aus der nicht gänzlich erbrochenen oder bereits im Darm befindlichen Schokolade noch Theobromin resorbiert wird, was die Symptome even tuell weiter verschlechtern könnte. Die Eltern der Kinder kamen dieser Empfehlung am Telefon nach, zumal sie ihre Kinder nicht länger mit der Situation allein lassen wollten. Der Junge hatte ohnehin weitsichtig gehandelt, als er den Notruf der Tierrettung München gewählt hatte. Damit hatte er Otto womöglich das Leben gerettet.

Um kurz nach Mitternacht übergaben Dr. Horvath und Anne Horbelt den schokoladenbraunen Labrador Otto in stabilem Zustand an die Tierklinik München. Dort wurde er die weitere Nacht unter Beobachtung gestellt und medizinisch betreut. Otto hat sich wieder vollständig erholt und seiner Familie einen ordentlichen Schrecken eingejagt. Diese stellt die Schokolade zukünftig bestimmt außerhalb von Ottos Reichweite, damit die Schokoladenschlacht besser ein schöner Schokoladentraum bleibt.

Schokoladenrechner

Auf dem sogenannten Schokoladenrechner kann man prüfen, welche Mengen Schokolade für welche Gewichtsklasse eines Hundes richtig gefährlich werden kann.

http://www.veterinaryclinic.com/chocolate/calc.html

Die Bedienung der interaktiven Seite ist denkbar einfach:

  • Zunächst wählt man aus um welche Sorte von Schokolade es sich handelt. Die Gefährlichkeit der Schokolade hängt von dem prozentualen Kakaoanteil ab. Dieser ist immer auf der Verpackung angegeben. Je dunkler die Schokolade ist, desto giftiger ist sie. Reines Kakaopulver ist am gefährlichsten, während weiße Schokolade überhaupt nicht giftig ist, da sie nur Kakaobutter, aber kein Kakaopulver enthält.
  • Dann bewegt man die Schieberegler entsprechend des Gewichts des Hundes (oben in Kilogramm/Pfund) sowie der aufgenommenen Substanz (unten in Gramm/Unze). Zu beachten ist dabei, dass die richtige Maßeinheit eingestellt ist.

Schließlich drückt man auf den Knopf „calculate“ („berechne!“) und liest anhand der Farbe die Gefährlichkeit der Vergiftung nach dem Ampelprinzip ab:

  • Grün: keine bis minimale Folgen (ggf. Magenverstimmung, Durchfall, Erregung) zu erwarten.
  • Gelb: milde Reaktion (Erbrechen, Durchfall, erhöhte Herzfrequenz, vermehrte Urinproduktion).
  • Orange: mittlere bis schwere Folgen (Muskelzuckungen, Krämpfe, unregelmäßiger oder sehr schneller Herzschlag, eventuell Kreislaufkollaps).
  • Rot: potenziell tödlich (Überhitzung, Kollaps, unregelmäßiger Herzschlag, Atembeschwerden, Herzrasen, plötzlicher Tod).

Bei Grün (und bei jungen, sonst gesunden Patienten evtl. auch bei gelb) kann man von dem Herbeiführen des Erbrechens eventuell absehen, da diese Patienten höchstwahrscheinlich keine ernsten Symptome bekommen werden.

Bei Orange und besonders bei Rot gilt: „Bloß keine Zeit verlieren!“, schnellstmöglich zum Tierarzt in die Tierklinik, um den Hund gegebenenfalls erbrechen (wenn er noch keine Bewusstseinstrübung hat) und mit Infusionen und weiteren Medikamenten behandeln und überwachen zu lassen.

Hat man keinen Zugang zum Online-Rechner, kann man die Konsequenzen auch nach folgender Faustregel abschätzen: Pro 10 kg Hund bildet eine 100g Milchschokolade die Grenze der Gefährlichkeit. Alles, was darüber hinausgeht, erfordert rasches Handeln.

Gefahr auch durch Weintrauben

Ein Kommentar von Anna Horbelt

Den Kindern war die Gefahr dieses Snacks offensichtlich nicht bewusst. Weintrauben sind allerdings ab einer Menge von wenigen Gramm pro Kilogramm Körpergewicht giftig für Hunde. Die Aufnahme kann zu Übelkeit, Erbrechen, Magen-Darm-Störungen, bis hin zu neurologischen Symptomen wie Zittern und Krämpfen führen. Da das Gift über die Nieren wieder ausgeschieden wird, leiden auch diese darunter. Im schlechtesten Fall kann es zu akutem Nierenversagen kommen. Noch problematischer sind Rosinen, die getrocknete Form der toxischen Weintrauben, da sie das Gift in konzentrierter Form enthalten.

Wichtig ist es also Weintrauben und besonders Rosinen immer außer Reichweite des geliebten Vierbeiners zu lagern. Im Falle einer Aufnahme wird ähnlich vorgegangen wie bei Schokolade: Der Hund muss erbrechen und wird mit Aktivkohle behandelt. Wichtig ist aufgrund der genannten Ausscheidungsproblematik, die Nierenwerte in den kommenden Tagen vom Haustierarzt überprüfen zu lassen, um potentielle Nierenschäden frühzeitig erkennen zu können.