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Wenn das Gebiss zur Qual wird…

von: Von Dr. Gabor Horvath und Sandy Both

Rettungseinsätze –

An einem Samstagvormittag erhielt Dr. Gábor Horvath, diensthabender Tierarzt bei der aktion tier-Tierrettung München, den Anruf einer verzweifelten Besitzerin. Ihre zweijährige Katze würde das Maul aufsperren und offensichtlich unter massiver Atemnot leiden. Sie vermutete, dass ihr Tier etwas verschluckt haben könnte, was nun die Atmung behinderte.

Sofort machte sich Dr. Horvath gemeinsam mit seiner Assistentin Anna Horbelt auf den Weg zum Einsatzort. Fälle, bei denen ein Tier keine Luft mehr bekommt, sind besonders dramatisch: Hier darf keine Zeit verloren werden! Der Münchener Samstagsverkehr war Gott sei Dank entspannt und das Ziel nicht allzu weit von der Dienststelle in der Herzogstraße entfernt. Angekommen, wurden Notfallrucksack und Sauerstoffbox samt Sauerstoffflasche gegriffen und zur Wohnung der Katzenhalterin geeilt.

Der tierische Patient saß auf einem Kratzbaum auf dem Balkon. Der Anblick war elend: Die Katze hatte sichtlich Schmerzen, schloss das Maul nicht und gelblicher Speichel tropfte heraus. Während Dr. Horvath die Besitzerin zu ihrem Tier befragte, untersuchte er es vorsichtig. Die Katze war, trotz der Schmerzen die sie litt, sehr kooperativ. Man hatte fast den Eindruck, dass sie wusste, nun würde man ihr helfen.

Dr. Horvath brauchte nicht lange, um eine Diagnose zu stellen. Es handelte sich nicht um Atemnot, und die Katze hatte auch nichts verschluckt. Stattdessen waren ihre Zähne eine einzige Katastrophe. Der Mundraum war vereitert, und ein Zahn lag so quer, dass die Katze das Maul gar nicht mehr schließen konnte. Fressen oder Trinken war unmöglich für das Tier.

Dr. Horvath spritzte der Katze ein starkes Schmerzmittel, um ihr Leiden zu lindern. Das Tier kam zudem an den Tropf, um den eventuellen Flüssigkeitsmangel auszugleichen. Die Besitzerin hatte gesagt, das Tier habe gestern schon etwas weniger gefressen. Dass Katzen schlechte Zähne haben, kommt immer wieder mal vor, besonders bei alten Katzen. Dies ist oft die Folge von mit dem Alter meist zunehmender Verschlechterung der Maulhygiene, was zu einem Teufelskreis führt:

Beläge –> Zahnsteinbildung –> Irritation des Zahnfleisches durch Stoffwechselabbauprodukte der in dem Zahnstein lebenden Bakterien –> chronische Zahnfleischentzündung –> Rückzug des Zahnfleisches am Zahnhals entlang mit Bildung von Taschen –> Bildung von noch mehr Belägen sowie Zahnstein und Vermehrung von Bakterien.

Um diesen Teufelskreis zu unterbrechen, ist es wichtig etwas für die Maulhygiene der Katze zu tun. Regelmäßige tierärztliche Kontrollen sind wichtig, d.h. mindestens jährlich, bei anfälligen Patienten dem Bedarf entsprechend auch öfter oder bei ersten Anzeichen einer Entzündung wie Maulgeruch, Zahnfleischrötung, Speicheln, Problemen mit der Futteraufnahme am besten gleich. Trockenfutter kann auch der Bildung von Belägen und Zahnstein durch verstärkten Abrieb entgegenwirken (insbesondere manche extra für diesen Zweck entwickelte Sorten). Ähnlich wie bei uns Menschen ist regelmäßiges Zähneputzen auch bei den Katzen die beste Methode, Beläge zu beseitigen und somit den Nährboden für die Bildung von Zahnstein zu entziehen und die Keimbelastung im Katzenmaul zu senken. Es erfordert allerdings eine geduldige Eingewöhnung, am besten bereits in jungen Jahren (zunächst nach einer ausgiebigen Spielrunde) und konsequente, ritualisierte, lebenslange Durchführung. Ist Zahnstein erst einmal gebildet, hilft nur die Entfernung beim Tierarzt mit Hilfe von Ultraschall in Narkose (ähnlich zur professionellen Zahnreinigung bei uns Menschen).

Eine solche Entzündung entsteht nicht über Nacht …

Entgegen dem Rat Dr. Horvaths entschied sich die Tierhalterin, die Katze nicht von uns in die Tierklinik bringen zu lassen. Das ist ihr gutes Recht, und die Tierärzte müssen diese Entscheidung akzeptieren, auch wenn das manchmal schwer ist. Dr. Horvath rief die Haustierärztin der Tierbesitzerin an und schilderte ihr die Situation. Freundlicherweise erklärte die Haustierärztin sich bereit, am Sonntag einen Besuch abzustatten und nach der Katze zu sehen. Das Tier würde nach 24 Stunden erneut Schmerzmittel brauchen und musste vor allen Dingen mit Flüssignahrung über eine Spritze gefüttert werden. Denn in diesem Zustand konnte die Katze unmöglich Nahrung in ausreichender Menge aufnehmen. Plötzlicher Nahrungsentzug oder eine abrupte Diät aber können für Katzen schwere gesundheitliche Folgen nach sich ziehen, je wohlgenährter die Katze, umso eher. Deswegen zeigte Dr. Horvath der Tierbesitzerin, wie sie die Katze am Wochenende immer wieder füttern musste und wie das Futter anzurichten sei. Er gab noch verschiedenste Hinweise zur Versorgung und worauf die Frau in Zukunft achten sollte, um derartige Schmerzen des Tieres von vorneherein zu verhindern. Denn, das muss man leider so sagen, eine solche Entzündung entsteht nicht über Nacht und hätte viel früher behandelt werden müssen.

Für unseren Tierarzt und Assistentin Anna Horbelt war der Einsatz nun beendet. Die Sauerstoffbox hatte diesmal keinen Einsatz gefunden und wurde wieder im Rettungswagen verstaut. Als Dr. Horvath sich am Montag nach der Katze erkundigte, hatte diese in der Tierklinik die Zahn-OP bereits erfolgreich überstanden. Wir hoffen sehr, dass die Katze in ihrem weiteren Leben nicht mehr so leiden muss.

„Feline chronische Gingivo-Stomatitis“

In bereits jungen Jahren kann die Erkrankung „feline chronische Gingivo-Stomatitis“ auftreten. Diese Krankheit mit anhaltenden oder immer wieder zum Aufflammen neigenden hartnäckigen Entzündungen des Zahnfleisches und der Maulschleimhaut kann jede Katze treffen. Besonders häufig ist sie allerdings bei Rassekatzen, insbesondere Maine Coons. Bei Letzteren können erste Symptome häufig schon ab dem Alter von etwa 7 Monaten beobachtet werden. Diese sind unter anderem Unwohlsein, schmerzhafte, verminderte Futteraufnahme, Speicheln, Gewichtsverlust, vergrößerte Lymphknoten. Viele betroffene Katzen kommen aus dem Tierheim oder vom Bauernhof, hatten Katzenschnupfen, oder sind FeLV-/FIV-positiv. Die Behandlung besteht neben der Sanierung des Gebisses aus häufig lebenslanger Gabe von immunmodulierenden Medikamenten, Schmerzmitteln und phasenweise manchmal auch Antibiotika.