Junge Rabenkrähe
Uns wurde von der Polizei eine junge Rabenkrähe gebracht, die zuvor von einem Finder abgegeben worden war. Das Tier war auf einer stark befahrenen, fünfspurigen Straße umhergelaufen. Glücklicherweise konnte die Krähe rechtzeitig von dieser gefährlichen Situation gerettet werden.
Der Allgemeinzustand war gut, und sie war unverletzt. Besonders bemerkenswert war ihr ungewöhnlich zutrauliches Verhalten: Sie suchte aktiv die Nähe zum Menschen und ließ sich problemlos beschäftigen. In der kurzen Zeit bei uns, bevor sie in eine geeignete Pflegestelle weitervermittelt wurde, hatten wir viel Kontakt mit ihr – sie hat sich auf die Schulter gesetzt, vorsichtig „geknabbert“, ist neugierig umhergehüpft und hat deutlich Interesse am Menschen gezeigt. Erkennbar war zudem, dass es sich um ein Jungtier handelte: Das Gefieder war noch nicht vollständig ausgebildet und wirkte etwas kürzer und ungleichmäßig. Außerdem hatte sie auffallend helle, bläuliche Augen – bei erwachsenen Krähen sind diese in der Regel dunkel braun bis schwarz.
Allgemein gilt bei jungen Vögeln: Viele befinden sich nach der Nestlingszeit in der sogenannten „Bodenphase“. In dieser Zeit sitzen sie häufig am Boden, üben das Fliegen und werden oft noch von den Elterntieren versorgt, die man jedoch nicht immer sieht. Auch wenn diese Phase durch Fressfeinde, Haustiere oder Straßenverkehr gefährlich sein kann, ist die Überlebenschance in der Natur meist höher als bei einer unnötigen Mitnahme.
Wichtig ist daher: Junge, gesunde und unverletzte Vögel mit bereits vorhandenem Gefieder sollten grundsätzlich belassen werden, auch wenn sie am Boden sitzen. In folgenden Fällen sollte jedoch gehandelt werden – idealerweise nach Rücksprache mit einer fachkundigen Stelle: Wenn das Tier verletzt ist, apathisch wirkt, eindeutig verlassen ist oder sich in akuter Gefahr befindet. Sollte also eine junge Krähe oder ein anderer Jungvogel in einer nicht eindeutig geklärten Situation gefunden werden, lohnt es sich immer, kurz zu prüfen und im Zweifel Rat einzuholen, statt vorschnell einzugreifen.

