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Verwaist aufgefunden Aufzucht von zwei Igel-Babys

verwaiste Igeljunge
Die beiden verwaisten Igeljungen waren sehr hungrig. Foto: © Tierrettung München

von: Julia Karell
Tierärztin Tierrettung München e.V.

Rettungseinsätze –

Anfang September wurden der Tierrettung München zwei kleine Igel‐ junge gebracht. Diese wurden am späten Abend verwaist und mitten auf einem Gehweg gefunden, kein Muttertier weit und breit. In der Dienststelle angekommen, wurden die beiden Brüder sofort gewogen – nur jeweils knapp über 60g! Und ihr Alter wurde auf ca. 2 Wochen geschätzt, da die Augen noch geschlossen waren und die Zähnchen noch nicht durchgebrochen.

Sie waren glücklicherweise nicht verletzt, nur etwas unterkühlt und geschwächt. Ein warmes Schälchen Katzenmilch für neugeborene Kitten wurde mit 1ml-Spritzen verfüttert und von den Findelkindern hungrig aufgeschleckt. Da die Tiere unverletzt waren und zu zweit, war die Aufzucht durch die Tierärztin bei sich daheim einen Versuch wert.

Grundsätzlich müssen so junge Igel zumindest alle drei Stunden eine Mischung aus Fencheltee, Katzenmilch und Vitamin B Complex gefüttert bekommen, und das täglich in der Menge von 25% des jeweiligen Körpergewichtes. Hierbei muss besonders darauf geachtet werden, dass die Tiere sich nicht verschlucken, was in diesem Alter lebensbedrohlich wäre. Außerdem darf auf keinen Fall Kuhmilch verfüttert werden, da dies aufgrund des Milchzuckers zu starken Blähungen und Durchfall führen kann. Nach jeder einzelnen Mahlzeit muss das sogenannte „Toiletting“ betrieben werden, also der Bauch vorsichtig massiert werden bis Kot und Urin abgesetzt wird, da die Jungigel dies erst ab einem Alter von ca. 3 Wochen eigenständig tun können. Zudem sollten sie zweimal täglich gewogen werden, um sicherzustellen, dass die Tiere jeden Tag ein wenig an Gewicht zulegen.

Sobald die Augen sich ab der dritten Lebenswoche öffnen, werden die Igelkinder etwas aktiver und beginnen ein wenig die Umgebung zu erkunden. Wenn dann noch zwischen der 3. und 4. Lebenswoche langsam die Zähne durchstoßen, kann man nach und nach von Welpenmilch auf Katzenfutter und/oder Rührei umstellen. Nach gut zwei Wochen war das auch bei unseren zwei Findelkindern der Fall, sodass sie nach einigen Tagen mit fester Nahrungsaufnahme schließlich mit einem Gewicht von je 350g an eine Auswilderungsstelle vermittelt werden konnten.

Übrigens ist es laut Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) nicht erlaubt, Wildtiere länger als unbedingt nötig zu behalten. Sie sind nur auf den Menschen angewiesen, solange sie nicht eigenständig in der Natur überleben können.

Erste Hilfe bei Igelfund

Laut Deutschem Bundesnaturschutzgesetz zählen Igel zu den besonders geschützten Arten. Es ist verboten, sie der Natur zu entnehmen oder ihre Nester zu zerstören. Das Gesetz erlaubt jedoch die Pflege kranker, verletzter und hilfloser Tiere. Sie müs‐ sen aber nach ihrer Genesung unverzüglich wieder in die Freiheit entlassen werden.

Hilfsbedürftige Igel sind:

Verwaiste Igel irren pfeifend alleine umher. Man kann ihnen zunächst helfen, indem man draußen zufüttert und sie dabei weiter beobachtet. Sollten die Jungtiere weiterhin nicht eingerollt und alleine im Garten herumliegen oder sind sogar schon Flie‐ geneier auf ihnen zu sehen, brauchen sie unsere Hilfe. Wenn sie sich an der Bauchseite kühler anfühlen als die eigene Hand, dann sind sie unterkühlt und müssen mittels einer Wärmeflasche vorsichtig aufgewärmt werden. Umwickeln Sie dazu eine lau‐ warme Wärmeflasche mit einem Handtuch und setzen den Igel darauf. Decken Sie ihn mit einem weiteren Handtuch zu, damit er sich wohler fühlt und sitzen bleibt. Diese Jungen sollten dann fachmännisch in einer Igelstation aufgepäppelt werden.

Verletzte Igel

Sichtbare Verletzungen wie Wunden, Bissverletzungen, Abszesse oder Knochenbrüche können meist ohne Probleme vom Laien erkannt werden. Diesen Igeln muss medizinisch geholfen werden. Hier ist der Gang zum nächsten Tierarzt, Tierheim oder zur nächsten Igelstation erwünscht, ja sogar lebensnotwendig.

Winterschlaf

Igel, die im Spätherbst mind. 1000 g wiegen, haben die besten körperlichen Voraussetzungen, um in den Winterschlaf zu gehen. Igel mit einem Gewicht von ca. 500-700 g müssen noch an Gewicht zulegen. Igel ernähren sich in der Natur von Insek‐ ten wie z.B. Käfer, Regenwürmer, Ohrwürmer, Schnecken und Spinnen. Um am Boden noch genügend Insekten zum fressen zu finden, sind sie auf einen milden Herbst angewiesen. Sollten Sie also solch einen unverletzten Igel finden, der sich noch ein Fettpolster zulegen will, sollten Sie ihn auf gar keinen Fall stören, geschweige denn mitnehmen. Wenn Sie ihm was Gutes tun wollen, dann bitte draußen zufüttern. Igel, die bei Wintereinbruch unter 500 g wiegen, können nicht in der freien Natur überwin‐ tern. Sie brauchen zum Überleben menschliche Hilfe. Tiere, die jedoch bei Schnee und Frost tagsüber umherirren (unabhängig vom Gewicht) müssen aufgenommen und versorgt werden.

 
Julia Karell

Julia Karell
Tierärztin Tierrettung München e.V.

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E-Mail:
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